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Handlung

Was passiert, wenn wir in den Slums von Chittagong, Bangladesh einen Theaterworkshop veranstalten? Wen treffen wir an und wohin führt uns die Reise? Wir probieren es aus. Ankunft in einer neuen Welt. Hütten, Händler, Getriebe, schmale Gassen, Kinder, junge Frauen, Mädchen mit Kindern im Arm, Lärm, Lachen, Freundlichkeit. Vorsichtige Blicke: Wer seid ihr?

Meister der Intuition

Ein Vortrag zur ARTEN-Konferenz in Chittagong, Bangladesh 2013

Aus Europa kommend bewundere ich die Art und Weise, wie sich hier, im uns so fernen asiatischen Raum, das Netzwerk für  Theater und Education gebildet hat, das, mit den vielfältigen Mitteln des lebendigen Theaters, die immaterielle Kultur, den geistigen Fortschritt der Menschen in ihrem Lebensumfeld entwickelt. Die Vielfalt der Ausdrucksformen, mit denen dies hier in Asien geschieht ist überraschend und ich danke allen Theateraktivisten für die Leidenschaft und Ruhe, mit der sie sich für diesen Fortschritt einsetzen. Das Besondere daran ist für mich, das sich dieser Fortschritt im Bewusstsein der Menschen abbildet, der oft auch eine materielle Verbesserung der Lebensumstände zur Folge hat. Unsichtbares wird Sichtbar, und jeder, der an diesem Vorgang teilgenommen hat, verlässt den Raum/Ort, mit einer Erfahrung, die nicht rückgängig zu machen ist. Er weiß mehr und kann sich mehr vorstellen. Sein Horizont hat sich verändert. Jede theatralische Aktion stellt einen Weg dar, der die Tradition nutzt, aber nicht in ihr gefangen ist, und im Geschehen selbst zu einer Erneuerung wird.

Ich habe im letzten Jahr zum ersten Mal die ARTEN Konferenz besucht und war sehr dankbar über die Anregungen, die ich mit zurück nach Europa genommen habe und die meinen Alltag seitdem beständig erweitern. Oft genug stärken sie mir den Rücken, wenn ich bei dem Versuch, diesen immateriellen Weg in Europa zu gehen, an die Grenzen des Verständnisses stoße. In Europa wird die individuelle Inklusion gefördert, mit dem Ziel, dass jeder Mensch an der Gesellschaft teilhaben können soll. Das Verständnis für die politische Dimension ist jedoch nicht soweit entwickelt, dass es eine eigene Thematik hervorbringt. 

Ich möchte versuchen, zu dieser Entwicklung beizutragen.

Wie Sie wissen, ist mein derzeitiges Projekt, Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung in Kirgisztan zu ermöglichen. Der Zufall hat mich in diese Gegend gebracht, könnte man sagen, aber das stimmt natürlich nicht. Es folgt einer inneren Spur.

Es ist etwas völlig Neues, nie Dagewesenes in Kirgistan, Menschen mit Behinderung auf der Bühne zu sehen. Es ist sehr wichtig, über diesen Weg die Demokratie, also das gleichberechtigte miteinander unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, zu entwickeln. 

Es gibt kaum einen geeigneteren Raum, als das Theater, um die am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen ins Zentrum der Öffentlichkeit zu bringen. Damit wird der Prozess der Demokratisierung in die allgemeine Diskussion eingebracht.

Ein Mensch auf der Bühne IST im Zentrum. Er erscheint. Das Licht des Scheinwerfers ist auf ihn gerichtet und wir verfolgen jede seiner inneren und äußeren Bewegungen mit besonderer Aufmerksamkeit. Es gibt für das Publikum keine Möglichkeit das Licht auszuschalten und den Menschen von der Bühne weg zu blenden. Er ist jetzt im Zentrum und erzählt allein damit sein Wesen, sein Gelingen und Scheitern im künstlerischen Kontext. Er stellt den Rand der Gesellschaft dar. Sich selbst. Wie ein Vergrößerungsglas, das auf einen Wassertropfen gerichtet ist, vergrößert die Bühne den Raum, nimmt ihn ganz ein und vermittelt das Thema lebendig, eindringlich und flüchtig zugleich. Immateriell. Das Flüchtige ist Bestandteil, der lehrt mitzunehmen, was nicht festzuhalten ist.

Wir nutzen den Effekt der Vergrößerung, um den Rand der Gesellschaft zum zentralen Thema zu machen. Warum? Kann man nicht das Zentrum der Gesellschaft zum Thema machen? Ja, aber dann ist die mitgebrachte Thematik beschreibend, erzählend, auch erhellend, tief und wichtig, aber der Zuschauer bleibt in seinem Erfahrungsraum. Er wird mit dem Spiegel seiner selbst bespielt. Steht ein Mensch mit Behinderung, oder einer anderen Randgruppe im Licht, nimmt der Zuschauer an einem anderen Erfahrungsraum teil. Er ist in einen fremden Raum eingeladen. 

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Dieser Vorgang entsteht immanent im theatralen Raum. Der Umstand alleine würde ausreichen, ohne, dass ein einziges Wort fällt. Wir sind jedoch lebendig, bewegt, verschwommen oder deutlich - flüchtig in der Gesellschaft unterwegs und wollen uns erzählen. Wir folgen unseren Emotionen, erfüllen pragmatischen Anforderungen, erobern uns aber fast ständig immer wieder die  immateriellen Räume. Hoffnung, Liebe, Wunsch, Traum, Schutz, Ruhe. Das kann sehr unterschiedlich ausfallen.

In Europa und der westlichen Welt haben die Menschen, durch die allgegenwärtige Aufforderung zum Konsum, Lebensbilder entwickelt, in denen der Konsum die immateriellen Räume ersetzt, oder sie zu ersetzen droht. Kein Kind kommt ohne Kopfhörer aus, zieht von einem Habenwunsch zum nächsten und wird dabei beständig gelockt und verführt. Wer kann dem standhalten? So wird das Kind zu dem, was es sein soll: ein Konsument der konsumiert, sobald er kann, mit allem was er hat. Berufswunsch: viel Geld verdienen. Wie? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Man wünscht konsumieren zu können, man ist schon verführt, und die Zeit für die Erfahrung im immateriellen Raum ist verstrichen. Die westliche Gesellschaft geht diesen Weg konsequent, Zeichen von Individualität und Lebendigkeit werden häufig pathologisiert und medikamentös unterdrückt. Der Einsatz des Medikaments Ritalin hat sich in den letzten zwanzig Jahren vertausendfacht.

Ich habe auf vielen Reisen erst intuitiv, dann bewusster, die Rückseiten der Städte und Dörfer gesucht, kam durch Zufall immer da an, wo die Stadt aufhört Stadt zu sein und selbst zum Zufall wurde. Das sind erstaunliche Begegnungen mit Räumen, in denen der organsierte Konsum fehlt. An diesen Stadtrückseiten, dort wo es nicht mehr um Repräsentation, Ordnung und Funktion geht, leben Menschen, die sich selbst überlassen sind, und mit dem Übrig gebliebenen handeln müssen. Meist wollen sie das nicht, haben aber keine andere Wahl. Dort entsteht ein kreativer Raum, der nicht leicht zu steuern und deshalb wirklich kreativ ist. Dort, wo der Müll der innerstädtischen Bereiche abgeladen wird, steht ein Mann und verbindet die Materialien seines zerrissenen Schuhs mit gefundenem Material. Auf der Brache entsteht ein Eigenes. Das Entstandene, nennen wir es Schuhwerk, ist anders. Nicht unbedingt lange Zeit nützlich, aber für den Moment das, was es morgen schon nicht mehr sein wird. Vergänglich und eigen. Dieses Beispiel ist natürlich extrem, aber es soll erklären, was minimales Haben sein kann. Das ist natürlich kein Plädoyer aus ideologischen Gründen für Verzicht auf festes Schuhwerk. Aber es zeigt etwas, was Achtung und Aufmerksamkeit verdient, weil es uns alle darin weiterbringt zu verstehen, was Kreativität ist.

Analog dazu ist die Arbeit mit den Randgruppen ein wichtiger Bestandteil der kreativen Auseinandersetzung mit zentralen Lebensfragen. Fast ein Muss, wenn man Philosophie lebendig thematisieren will und auf der Suche ist. Es ist also eine Bereicherung. Und darüber hinaus eine wichtige Lektion, die uns lehrt,  was Intuition bewirken kann.

Intuition ist die Summe der Erfahrungen die ein Mensch im Leben macht. Intuition schöpft aus dem Erfahrungsreichtum und wendet ihn undogmatisch an.  Unvorhersehbare Situationen erfordern viel Intuition. Menschen, deren Lebensumstände nicht viel vorhersehbares haben, sind stark in der Anwendung intuitiver Prozesse. Aufmerksamkeit ist notwendig. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung und Unterscheidung führt zu unkonventionellen Handlungen. Diese Überraschungen erzählen von Lebensentwürfen, die eigen und stark sind. 

Das ist, was wir erzählen und leben wollen. Von einer Gesellschaft, die handlungsfähig, eigen und stark ist, die den Unkonventionellen achtet und liebt. Durch diese Liebe kommt jene Verbindung zustande, die wir brauchen um frei zu sein für eigenverantwortliche Handlungen und positive Entwicklungen.

Possible Things

Ich versuche mit dem Wert, den ich auf immaterielle Bildung lege, der Materialität etwas entgegen zu setzen, um ihr nicht ausgeliefert zu sein. Das Flüchtige als Wert, der nicht weniger nachhaltig ist als ein Haus aus Stein, das nie etwas anderes sein kann als ein Haus aus Stein. Kreativität schafft viele Häuser, oder besser gesagt, Räume, in denen Menschen etwas schaffen und weiterdenken, Erfahrungen machen und diese miteinander teilen.

So stelle ich mir Theater als ein flüchtiges Haus vor, welches weiterzieht, sich wandelt und die Menschen, die es besuchen, verändert. Ein flüchtiges Etwas, was sich in jedem Einzelnen neu zusammensetzt und in der Erzählung darüber neu entsteht.

Etwas aber bleibt und ist das Wesen dieses Hauses: Das Licht scheint auf die Bühne und bildet das Zentrum der Gesellschaft. Im Zentrum: Die Meister der Intuition.

Julia Lindig, Oktober 2013 in Berlin